Toxische Beziehung verlassen – für viele Menschen gehört dieser Schritt zu den schwierigsten Entscheidungen ihres Lebens. Obwohl sie spüren, dass ihnen die Beziehung nicht guttut, bleiben sie häufig über Monate oder Jahre in belastenden Mustern. Emotionale Abhängigkeit, Verlustangst, Hoffnung auf Veränderung oder die Verantwortung für Kinder können dazu führen, dass Klarheit und Handlungskraft verloren gehen.
Emotionale Abhängigkeit, Verlustangst und der Weg zurück zu mehr Klarheit – wenn die Angst größer wird als die Liebe.
Thomas (Name geändert) saß erschöpft vor mir. Nicht nur emotional. Sein ganzer Körper wirkte müde.
Die Konflikte in seiner Beziehung hatten ihn über Jahre Kraft gekostet. Gleichzeitig liebte er seine Kinder über alles und hatte große Angst davor, sie zu verlieren, wenn er sich von seiner Partnerin trennen würde.
Immer wieder kreisten seine Gedanken um dieselben Fragen:
Was passiert mit den Kindern?
Was passiert mit unserem Zuhause?
Was passiert, wenn alles eskaliert?
Von außen betrachtet schien die Situation für viele Menschen vielleicht eindeutig. Für Thomas fühlte sie sich alles andere als eindeutig an.
Er arbeitete, kümmerte sich um die Kinder, organisierte den Familienalltag, erledigte Aufgaben im Haushalt und versuchte gleichzeitig, die ständigen Spannungen in seiner Beziehung auszuhalten. Was nach außen funktionierte, hatte ihn innerlich längst an seine Grenzen gebracht.
Als er schließlich in meiner Praxis saß, sprach er nicht zuerst über Wut. Nicht über Vorwürfe. Nicht über Schuld.
Er sprach über Angst.
Über die Angst vor den Konsequenzen einer Entscheidung.
Über die Angst vor dem Verlust seiner Kinder.
Über die Angst vor einem Konflikt, dessen Ausgang er nicht kontrollieren konnte.
Und genau an diesem Punkt beginnen viele Menschen, an sich selbst zu zweifeln.
Sie fragen sich:
Warum gehe ich nicht einfach?
Warum halte ich das noch aus?
Warum schaffe ich es nicht, eine Entscheidung zu treffen?
Doch diese Fragen greifen oft zu kurz.
Menschen bleiben selten in belastenden oder toxischen Beziehungen, weil sie schwach sind.
Sie bleiben, weil sie hoffen.
Weil sie lieben.
Weil sie Verantwortung empfinden.
Weil Kinder im Spiel sind.
Weil finanzielle Sorgen eine Rolle spielen.
Weil Verlustängste real sind.
Und manchmal auch, weil ihnen schlicht die Kraft fehlt, den nächsten Schritt klar zu erkennen.
Warum es so schwer ist, eine toxische Beziehung zu verlassen
Menschen bleiben häufig nicht in einer toxischen Beziehung, weil sie die Probleme nicht erkennen. Oft spielen emotionale Abhängigkeit, Verlustangst, Hoffnung auf Veränderung, Verantwortung für Kinder, finanzielle Sorgen und die Angst vor den Konsequenzen einer Trennung eine Rolle.
Eine toxische Beziehung zu verlassen ist deshalb häufig kein Mangel an Einsicht. Es ist oft ein innerer Konflikt zwischen Vernunft, Hoffnung, Angst und Verantwortung.
Von außen klingt eine Entscheidung manchmal einfach: „Dann geh doch.“
Von innen fühlt sie sich oft völlig anders an.
Denn wer mitten in einer solchen Beziehung steckt, entscheidet nicht aus Ruhe heraus.
Häufig steht der Mensch bereits seit langer Zeit unter Druck. Das Nervensystem ist angespannt, die Gedanken kreisen, der Körper ist erschöpft.
In diesem Zustand wird der Blick enger. Risiken wirken größer. Möglichkeiten werden schwerer erkennbar.
Die erste Lösung war nicht die Trennung
Viele Menschen erwarten, dass in einer solchen Situation sofort über Trennung, Grenzen oder Konsequenzen gesprochen wird.
Doch genau das haben wir zunächst nicht getan.
Denn wenn ein Mensch über Monate oder Jahre unter Dauerstress steht, fehlt oft nicht die Lösung. Es fehlt die Kraft, die Lösung überhaupt erkennen zu können.
Thomas wirkte wie jemand, dessen inneres System seit langer Zeit im Alarmzustand lief. Sorgen, Konflikte, Anspannung und Unsicherheit hatten immer mehr Raum eingenommen. Sein Blick richtete sich fast nur noch auf Probleme, Risiken und mögliche Katastrophen.
Das ist menschlich.
Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, Gefahren zu erkennen. Befinden wir uns jedoch über längere Zeit in einem Zustand von Angst und Anspannung, wird der Blick immer enger. Die Gedanken kreisen. Die innere Alarmanlage läuft auf Hochtouren.
Klarheit entsteht in solchen Momenten selten.
Deshalb richtete sich unser erster Blick nicht auf die Beziehung.
Er richtete sich auf seine Kraftquellen.
Was gab ihm früher Energie?
Wo fühlte er sich lebendig?
Was hatte ihm geholfen, schwierige Zeiten zu überstehen?
Im Laufe unseres Gesprächs tauchten zwei wichtige Ressourcen wieder auf: Musik und Karate.
Beides hatte ihm früher geholfen, Stress abzubauen, den Kopf freizubekommen und sich selbst zu spüren.
Also begannen wir genau dort.
Nicht mit einer Trennungsentscheidung.
Nicht mit einer Analyse seiner Partnerin.
Nicht mit der Suche nach einem Schuldigen.
Sondern mit der Frage:
Was hilft Ihnen dabei, wieder bei sich selbst anzukommen?
Denn aus meiner Erfahrung entsteht Klarheit selten im Alarmzustand. Klarheit entsteht häufig dann, wenn ein Mensch wieder etwas Ruhe findet, Zugang zu den eigenen Ressourcen bekommt und seinem Leben Stück für Stück neue Energie zuführt.
Manchmal beginnt Veränderung mit einer Gitarre
Wenn Menschen in belastenden Beziehungen leben, dreht sich irgendwann fast alles um das Problem.
Die Gedanken kreisen um Konflikte, Verletzungen, Hoffnungen, Enttäuschungen und die Frage, wie es weitergehen soll. Viele Betroffene verbringen Stunden damit, Gespräche zu analysieren, Nachrichten zu interpretieren oder mögliche Zukunftsszenarien durchzuspielen.
Dabei passiert oft etwas Entscheidendes:
Die Verbindung zu den eigenen Kraftquellen geht verloren.
Genau das war auch bei Thomas geschehen.
Über Monate hatte sich sein Leben immer stärker um die Belastungen seiner Beziehung gedreht. Die Bedürfnisse der Kinder, die Spannungen zu Hause, die Sorgen um die Zukunft und die ständige innere Anspannung hatten immer mehr Raum eingenommen.
Für die Dinge, die ihm früher Kraft gegeben hatten, blieb kaum noch Energie.
Viele Menschen kennen das. Früher wurde gemalt, musiziert, getanzt, Sport getrieben, gelesen oder Zeit mit Freunden verbracht. Und irgendwann bleibt davon kaum noch etwas übrig.
Das Leben wird enger.
Die Probleme werden größer.
Und die eigenen Kraftquellen werden kleiner.
Dabei sind es oft genau diese Kraftquellen, die wir in schwierigen Zeiten am dringendsten brauchen.
Deshalb stellte sich zunächst nicht die Frage:
Wie lösen wir die Beziehung?
Sondern:
Wie stärken wir den Menschen, der in dieser Beziehung lebt?
Denn ein erschöpfter Mensch erlebt dieselbe Situation oft völlig anders als ein Mensch, der wieder Zugang zu seinen Kräften hat.
Wer erschöpft ist, sieht vor allem Risiken.
Wer wieder etwas Stabilität gewinnt, erkennt häufig neue Möglichkeiten.
Woran du merkst, dass du dich selbst in der Beziehung verloren hast
Viele Menschen bemerken erst spät, wie sehr sie sich einer belastenden Beziehung angepasst haben.
Vielleicht erkennst du einige dieser Gedanken:
- Du zweifelst immer häufiger an deiner Wahrnehmung.
- Du stellst die Bedürfnisse anderer vor deine eigenen.
- Du vermeidest Konflikte, um die Stimmung nicht weiter zu belasten.
- Du hast kaum noch Energie für Dinge, die dir früher Freude gemacht haben.
- Du fühlst dich verantwortlich für das Wohlbefinden deines Partners.
- Du erkennst dich selbst manchmal kaum wieder.
Viele Betroffene berichten, dass sie ihrem eigenen Gefühl irgendwann nicht mehr vertrauen. Wenn du dieses Gefühl kennst, könnte auch unser Beitrag „Auf dein Bauchgefühl hören – warum Intuition manchmal schweigt“ hilfreich für dich sein.
Wer eine toxische Beziehung verlassen möchte, steht oft nicht nur vor einer äußeren Entscheidung. Häufig geht es zunächst darum, den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen wiederzufinden.
Denn wenn ein Mensch sich über lange Zeit angepasst hat, ist oft nicht mehr sofort klar:
Was fühle ich eigentlich?
Was brauche ich?
Was ist meine Grenze?
Was ist noch Hoffnung – und was ist bereits Selbstverlust?
Genau deshalb ist der Weg aus einer toxischen Beziehung selten nur eine praktische Entscheidung. Es ist auch ein Weg zurück zur eigenen Wahrnehmung.
Warum Menschen überhaupt bleiben
An diesem Punkt stellen viele Menschen dieselbe Frage:
Warum bleibt jemand überhaupt in einer Beziehung, die ihm offensichtlich nicht guttut?
Von außen betrachtet wirken manche Entscheidungen oft einfach. Von innen fühlen sie sich häufig alles andere als einfach an.
Denn Beziehungen bestehen nicht nur aus dem, was heute geschieht.
Sie bestehen auch aus Erinnerungen.
Aus Hoffnungen.
Aus gemeinsamen Jahren.
Aus Versprechen.
Aus Kindern.
Aus Verantwortung.
Und manchmal aus der tiefen Sehnsucht, dass es doch noch einmal so werden könnte wie früher.
Gerade Menschen, die sehr viel Verantwortung übernehmen, halten oft erstaunlich lange durch. Nicht, weil sie blind wären. Sondern weil sie kämpfen.
Für ihre Familie.
Für ihre Kinder.
Für gemeinsame Träume.
Für das, was einmal schön war.
Eine der schwierigsten Erfahrungen in toxischen Beziehungsmustern besteht darin, dass Hoffnung und Leid oft gleichzeitig vorhanden sind.
Es gibt gute Tage und schlechte Tage.
Es gibt Momente von Nähe und anschließend wieder Rückzug, Streit oder Verletzungen.
Es gibt Versprechen und anschließend Enttäuschungen.
Genau dieses Wechselspiel macht viele Situationen so schwer durchschaubar.
Oft waren die Warnzeichen bereits früh vorhanden. Warum wir diese Signale trotzdem häufig übersehen oder relativieren, erfährst du auch in unserem Beitrag „Warnsignale in Beziehungen ignorieren – warum wir unserem Gefühl oft nicht vertrauen“.
Menschen halten deshalb nicht nur an dem fest, was heute ist. Sie halten häufig auch an dem fest, was sein könnte.
Hinzu kommen reale Sorgen.
Was passiert mit den Kindern?
Wie soll das finanziell funktionieren?
Wo werde ich wohnen?
Werde ich die Belastung überhaupt schaffen?
Wer eine toxische Beziehung verlassen möchte, kämpft deshalb oft nicht gegen eine einzige Herausforderung. Es wirken viele unterschiedliche Ängste, Bindungen und innere Konflikte gleichzeitig.
Wer sich selbst verloren hat, braucht nicht zuerst eine schnelle Entscheidung. Er braucht zunächst wieder Kontakt zu sich selbst.
Der Körper weiß oft früher Bescheid als der Kopf
Viele Menschen erkennen erst spät, wie sehr eine belastende Beziehung bereits an ihren Kräften zehrt.
Nicht selten erzählen mir Klienten zunächst von Schlafproblemen, Erschöpfung, innerer Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten oder körperlichen Beschwerden.
Wenn wir über längere Zeit in Unsicherheit leben, ständig Konflikte erwarten oder uns immer wieder anpassen müssen, bleibt unser Nervensystem in erhöhter Alarmbereitschaft.
Der Körper beginnt, Energie für mögliche Gefahren bereitzustellen.
Kurzfristig ist das sinnvoll.
Dauerhaft kostet es enorme Kraft.
Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung weist darauf hin, dass anhaltender Stress nicht nur das emotionale Wohlbefinden beeinflusst, sondern sich häufig durch Schlafprobleme, Erschöpfung und körperliche Beschwerden bemerkbar macht.
Viele Betroffene beschreiben rückblickend, dass ihr Körper ihnen schon lange Signale geschickt hatte, bevor sie bereit waren, ihre Situation genauer anzuschauen.
Sie schliefen schlechter.
Sie waren schneller gereizt.
Sie verloren die Freude an Dingen, die ihnen früher wichtig waren.
Sie fühlten sich ständig müde und gleichzeitig innerlich angespannt.
Der Körper versucht uns nicht zu bestrafen. Häufig versucht er vielmehr, uns auf etwas aufmerksam zu machen.
Wenn ein Nervensystem über längere Zeit unter Druck steht, verändert sich auch unsere Wahrnehmung.
Plötzlich scheint es nur noch zwei Möglichkeiten zu geben:
Bleiben oder gehen.
Aushalten oder kämpfen.
Anpassen oder verlieren.
Doch das Leben ist meist deutlich vielfältiger als diese scheinbaren Entweder-oder-Entscheidungen.
Ein erschöpftes Nervensystem sucht Sicherheit. Ein reguliertes Nervensystem erkennt Möglichkeiten.
Die bessere Frage
Viele Menschen, die in belastenden Beziehungen leben, stellen sich irgendwann dieselbe Frage:
„Warum gehe ich nicht einfach?“
So verständlich diese Frage ist, so problematisch ist sie oft zugleich. Denn in ihr steckt bereits ein Vorwurf an sich selbst.
Ich müsste doch längst weiter sein.
Ich müsste doch längst eine Entscheidung getroffen haben.
Ich müsste doch erkennen, was richtig ist.
Viele Betroffene setzen sich dadurch zusätzlich unter Druck. Zur Belastung durch die Beziehung kommt die Belastung durch die eigene Selbstkritik.
Doch vielleicht führt die Frage selbst in die falsche Richtung.
Nicht:
Warum gehe ich nicht?
Sondern:
Was brauche ich gerade?
Diese kleine Veränderung wirkt unscheinbar, verändert aber die gesamte Blickrichtung.
Plötzlich geht es nicht mehr um ein vermeintliches Versagen, sondern um die eigenen Bedürfnisse.
Vielleicht brauche ich mehr Ruhe.
Vielleicht Unterstützung.
Vielleicht mehr Kontakt zu Menschen, die mir guttun.
Vielleicht einen geschützten Raum, um überhaupt wieder klar denken zu können.
Genau einen solchen geschützten Raum möchten wir mit unserer Gruppenbegleitung „Raus aus toxischen Beziehungen“ schaffen. Dort geht es nicht um schnelle Entscheidungen oder Schuldzuweisungen, sondern darum, wieder Zugang zu den eigenen Bedürfnissen, Grenzen und Handlungsmöglichkeiten zu finden.
Vielen Menschen fällt es schwer, ihre eigenen Grenzen ernst zu nehmen. Wenn du dich darin wiedererkennst, könnte auch unser Artikel „Grenzen setzen ohne Schuldgefühle“ eine hilfreiche Ergänzung sein.
Der Wunsch, eine toxische Beziehung zu verlassen, entsteht häufig lange bevor die Kraft für diesen Schritt vorhanden ist.
Aus therapeutischer Sicht entstehen gute Entscheidungen selten unter Druck. Gute Entscheidungen entstehen häufig dann, wenn Menschen wieder Zugang zu ihren Bedürfnissen, ihren Ressourcen und ihrer eigenen inneren Stimme bekommen.
Du musst diesen Weg nicht allein gehen
Wenn du dich in diesen Gedanken wiedererkennst, musst du diesen Weg nicht allein gehen.
In unserer Gruppenbegleitung „Raus aus toxischen Beziehungen“ beschäftigen wir uns mit Themen wie emotionaler Abhängigkeit, Verlustangst, Selbstwert, Grenzen setzen und neuen Handlungsmöglichkeiten.
Es geht nicht darum, vorschnell über Trennung oder Bleiben zu entscheiden. Es geht darum, wieder klarer zu spüren:
Was passiert hier eigentlich mit mir?
Was brauche ich?
Wo verliere ich mich?
Welche Grenzen sind wichtig?
Und welcher nächste Schritt ist für mich stimmig?
Oft entsteht Klarheit dort, wo Menschen erleben, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind.
Wenn du dir dabei Begleitung wünschst, findest du weitere Informationen zu unserer Gruppenbegleitung „Raus aus toxischen Beziehungen“ hier.
Die Kraft kleiner Schritte
Wer unter einer toxischen oder stark belastenden Beziehung leidet, sucht häufig nach der einen großen Lösung. Nach dem Gespräch, das alles verändert. Nach der Entscheidung, die endlich Klarheit bringt.
In der Realität verläuft Veränderung oft anders.
Die meisten Menschen berichten später nicht von einem einzigen Wendepunkt. Sie berichten von vielen kleinen Schritten.
Ein Gespräch mit einem Freund.
Ein Abend, an dem sie wieder etwas getan haben, das ihnen Freude bereitet.
Eine Grenze, die sie zum ersten Mal ausgesprochen haben.
Eine Nacht, in der sie wieder besser schlafen konnten.
Eine therapeutische Sitzung, in der sie sich verstanden gefühlt haben.
Diese Schritte wirken oft unscheinbar. Gleichzeitig helfen sie dabei, etwas zurückzugewinnen, das in toxischen Beziehungsmustern häufig verloren geht:
Das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.
Jeder kleine Schritt zurück zu den eigenen Ressourcen ist deshalb auch ein Schritt zurück zur eigenen Freiheit.
Eine toxische Beziehung zu verlassen beginnt oft nicht mit einem einzigen großen Schritt. Häufig beginnt dieser Prozess mit dem ersten Schritt zurück zu sich selbst.
Warum niemand diesen Weg allein gehen muss
Eine der belastendsten Erfahrungen in toxischen Beziehungen ist häufig das Gefühl der Isolation.
Viele Betroffene schämen sich.
Manche haben das Gefühl, versagt zu haben.
Andere fürchten, von Freunden oder Angehörigen nicht verstanden zu werden.
Doch genau diese Isolation verstärkt häufig die Belastung.
Dass soziale Isolation psychische Belastungen verstärken kann, zeigen auch Untersuchungen der Bertelsmann Stiftung. Menschen, die sich dauerhaft allein gelassen fühlen, berichten deutlich häufiger von emotionaler Belastung und psychischen Beschwerden.
Menschen gewinnen Orientierung oft nicht allein.
Sie gewinnen Orientierung im Kontakt.
Im Gespräch.
In Begegnungen mit anderen Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder die bereit sind, ohne Vorurteile zuzuhören.
Gerade bei Themen wie emotionaler Abhängigkeit, Verlustangst, Manipulation oder schwierigen Trennungsprozessen kann es entlastend sein zu erleben, dass man mit diesen Erfahrungen nicht allein ist.
Klarheit entsteht nicht durch Druck. Klarheit entsteht durch Stabilisierung, Selbstverbindung und die Erfahrung, nicht allein zu sein.
Klarheit braucht manchmal Gemeinschaft
Belastende oder toxische Beziehungen hinterlassen häufig Verunsicherung. Viele Betroffene wissen irgendwann nicht mehr genau, was sie fühlen, was sie brauchen oder welchen Schritt sie als Nächstes gehen möchten.
Deshalb steht im Mittelpunkt meiner Gruppenbegleitung nicht die Frage, ob jemand bleiben oder gehen sollte.
Es geht nicht um Schuldzuweisungen.
Nicht um Ex-Partner-Bashing.
Und auch nicht um vorschnelle Trennungsratschläge.
Im Mittelpunkt stehen emotionale Klarheit, Stabilisierung und die Rückverbindung zu den eigenen Ressourcen.
Gemeinsam betrachten wir Themen wie emotionale Abhängigkeit, Verlustangst, Manipulation, Selbstwert, Grenzen, Verantwortung und die Frage, wie neue Handlungsmöglichkeiten entstehen können.
In einem geschützten Rahmen mit einer kleinen Gruppe von Menschen, die ähnliche Herausforderungen kennen, entsteht häufig etwas Wertvolles:
Die Erkenntnis, nicht allein zu sein.
Und manchmal ist genau das der Moment, in dem neue Kraft entsteht.
Die Kraft, sich selbst wieder zuzuhören.
Die Kraft, die eigene Situation klarer zu sehen.
Und die Kraft, Schritt für Schritt den eigenen Weg zu finden.

Ein persönlicher Gedanke zum Schluss
Wenn du diesen Artikel gelesen hast und dich an der einen oder anderen Stelle wiedererkannt hast, dann möchte ich dir etwas mitgeben:
Du musst heute keine Entscheidung treffen.
Du musst nicht sofort wissen, wie dein Weg weitergeht.
Und du musst auch nicht alles allein herausfinden.
Manchmal besteht der wichtigste Schritt nicht darin, eine Beziehung zu verlassen. Manchmal besteht er darin, wieder bei dir selbst anzukommen. Wieder wahrzunehmen, was du fühlst. Was du brauchst. Und was dir guttut.
Menschen, die in belastenden oder toxischen Beziehungen leben, zweifeln oft an sich selbst. Dabei erlebe ich in meiner Arbeit immer wieder etwas anderes: Hinter all den Ängsten, Sorgen und inneren Konflikten steckt häufig eine große Sehnsucht nach Klarheit, Sicherheit und einem Leben, das sich wieder stimmig anfühlt.
Diese Sehnsucht verdient Aufmerksamkeit.
Und sie verdient Mitgefühl.
Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit einer großen Entscheidung. Vielleicht beginnt sie mit dem ersten Moment, in dem du dir selbst wieder zuhörst.
Herzlich,
Anja Sobbe-Dippold

Häufige Fragen zum Thema toxische Beziehung verlassen
Warum ist es so schwer, eine toxische Beziehung zu verlassen?
Eine toxische Beziehung zu verlassen ist oft schwer, weil viele Faktoren gleichzeitig wirken: emotionale Abhängigkeit, Verlustangst, Hoffnung auf Veränderung, Verantwortung für Kinder, finanzielle Sorgen und die Angst vor Eskalation. Viele Betroffene wissen längst, dass ihnen die Beziehung nicht guttut. Trotzdem fehlt oft die Kraft, eine klare Entscheidung zu treffen.
Bin ich schwach, wenn ich es nicht schaffe zu gehen?
Nein. In einer toxischen Beziehung zu bleiben bedeutet nicht automatisch Schwäche. Häufig zeigt es, wie stark Hoffnung, Bindung, Angst und Verantwortung miteinander verwoben sind. Wichtig ist, die eigene Situation ernst zu nehmen und sich Unterstützung zu holen.
Welche Rolle spielt emotionale Abhängigkeit?
Emotionale Abhängigkeit kann dazu führen, dass Betroffene trotz Verletzungen, Konflikten oder ständiger Anspannung an der Beziehung festhalten. Die Angst vor Verlust fühlt sich dann manchmal größer an als die Belastung durch die Beziehung selbst.
Können Kinder ein Grund sein, in einer toxischen Beziehung zu bleiben?
Ja. Viele Menschen bleiben lange, weil sie ihre Kinder schützen möchten oder Angst haben, sie durch eine Trennung zu verlieren. Diese Sorge ist real und sollte nicht vorschnell bewertet werden. Gerade dann kann ein geschützter Raum helfen, die Situation klarer zu betrachten.
Was hilft, wenn ich meine toxische Beziehung verlassen möchte?
Häufig helfen zunächst kleine Schritte: Stabilisierung, Gespräche mit vertrauten Menschen, therapeutische Unterstützung, das Wiederfinden eigener Ressourcen und das Klären der eigenen Bedürfnisse. Nicht jede Veränderung beginnt mit einer sofortigen Trennung. Manchmal beginnt sie damit, wieder Kontakt zu sich selbst zu bekommen.
Wo bekomme ich Unterstützung bei einer toxischen Beziehung?
Unterstützung kann durch therapeutische Gespräche, Beratungsangebote oder Gruppen entstehen. In der Gruppenbegleitung „Raus aus toxischen Beziehungen“ geht es darum, emotionale Abhängigkeit, Verlustangst, Selbstwert, Grenzen und neue Handlungsmöglichkeiten in einem geschützten Rahmen zu betrachten.

